Kwai Chang Caine oder wie kindliche Mythen Begleiter für’s Leben werden.

Juni 2, 2013 in Aikido von Armin Staudt

Auf der Aikido – Hauptseite habe ich ja schon kurz beschrieben, wie ich zum Aikido gekommen bin. Hier noch ein paar biografische Details dazu.

Kwai Chang Caine

Kwai Chang Caine

Der blinde Meister Po

Der blinde Meister Po

Nachdem ich nun im Alter von 6 Jahren mit Judo begonnen hatte, kam etwa zu der Zeit die erste Kampfsportserie im Fernsehen heraus: Kung Fu mit David Carradine als Kwai Chang Caine. Schnell waren Flipper, Lassie, Bonanza und wie sie alle hießen nicht mehr ganz so interessant. Vor allem die Zwiesprache mit seinem blinden Meister Po in China-Flashbacks hatte es mir angetan. Wie war es nur möglich, das Kwai über ein Reispapier mit der Konsistenz eines Schmetterlingsflügels laufen konnte, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen? Ja, damals war das bewegte Bild noch wirklich real in den Köpfen der Menschen. Frei nach dem Motto: „Ist doch gedruckt, muss wahr sein …“
Damals wurden viele Mythen in meinem Kopf geboren. Etwas, das ich bei meinen eigenen Schülern ab und an auch versuche. Ich gebe ihnen ein poetisches Bild von etwas, dass sie momentan unmöglich erreichen können, aber wenn es sich verankert eine Motivation sein kann, weiter diesen Weg zu gehen. Dies ist auch völlig gefahrlos, denn falls man einmal diesen Punkt erreichen sollte im Leben, bewahrheitet sich entweder dieser Mythos und löst sich in Wohlgefallen auf, oder er verschwindet einfach und hinterlässt eine kleine Leere, die sich aber schnell wieder schließt. Der Weg ist ja entscheidend, wie wir alles wissen.

Als mein 11 Jahre älterer Bruder irgendwie verändert vom Bund wieder kam und mit Jiu Jitsu anfing und auch irgendwann mit einem blauen Gürtel nach Hause kam, verfestigten sich meine Mythen noch mehr in einem heimlichen Stolz auf meinen Bruder.
Einmal kam der schielende Judotrainer und zeigte uns ein oder zwei Aikido-Techniken. Wer Judo kennt, weiß, dass man hier viel mit Kraft arbeitet und wie mit Zauberhand, ohne Anstrengung fielen die Gegner mit diesen seltsam anmutenden Aikido-Techniken. Das hatte mich zwar beeindruckt, aber nicht weiter beeinflusst. Auch sah ich einmal einen Beitrag über Aikido, wo Massen von Schülern auf einen Meister zuliefen und aus mir völlig unersichtlichen Gründen hinfielen. Das kam mir nur wie Theater vor.

Nicht umsonst gibt es da eine Wortähnlichkeit zwischen „martialisch“ und „Martial Art’s„: „mit unverhohlener Härte gegen jemanden oder etwas vorgehend.“ (Wikipedia) Das ist auch ein Mythos, aber eher der des Mainstreams. Wenn man sich z.B. die alten Karate Kid Filme ansieht, bemerkt man vielleicht, dass der alte Meister im Zweifel gar keine Faust macht und den Gegner in den Boden stampft, sondern Aikido-Techniken verwendet. Mit steigender geistiger Reife – die ein Meister ja in Vollkommenheit besitzen sollte – sinkt der Pegel der egoistischen Selbstbestätigung derart, dass man Angreifer eben „befriedet“ und sie nicht von ihrem Leben befreit. Ja, man sieht Angreifer nicht mehr als Feind oder Gegner an, sondern als Partner mit einer momentanen Disorientierung.
Dies wäre jedoch einen weiteren Beitrag wert, in etwa mit dem Titel: Der dritte Weg. (merk ich mir)

Mit 17 Jahren dann hörte ich mit Judo auf. Gitarrespielen, Malen und allgemein Rumhängen, waren zu dieser Zeit wichtiger. Dies ist leider eine pubertäre Begleiterscheinung, die ich gerade auch an meinen älteren Schülern entdecken muss. Wenn dies ein natürlicher Vorgang ist in unserem gesellschaftlichen Zusammenhang, kann man die in der früheren Kindheit angelegten Mythen gar nicht hoch genug bewerten.
Was, wenn ein junger Erwachsener, der aus den Wirren der Pubertät aufwacht und sich fragt, welche Richtung er seinem Leben geben soll, in diesen harten Zeiten keine Träume hat, auf die er zurückgreifen könnte?

So erklärt sich meine absolute Begeisterung und Motivation, als ich, wie im Aikido – Hauptartikel beschrieben, erstmalig 1992 an einem Aikido-Training teilgenommen hatte. Ralf Hoffmann war tatsächlich in der Lage, mich auf höchst effektive und eindrucksvolle Weise zu Boden zu werfen und ich habe ihn absolut nicht gespürt, er ging mit mir um, wie Kwai Chang Caine über das Reispapier gelaufen ist. Da gab es noch eine Vielzahl von ähnlichen Erlebnissen, die sich aber mit der Zeit abschwächten. Wenn man erst einmal bei einem seiner Mythen angekommen ist und er sich bewahrheitet, dann verliert er an Brisanz. Um so tiefer ich in die Materie eindrang, umso weniger kam sie mir mythisch vor. Ist ja normal. Das ändert aber nichts an der Realität dieses Mythos, er ist eben einfach nicht mehr die spontane Erleuchtung, sonder entspricht eher dem Plateau der Normalität.

In diesem Sinne, lest Euren Kindern ruhig Märchen vor.
Ich muss jetzt los und breche zu einem neuen Mythos auf.

Armin Staudt