Der dritte Weg oder wie man zu Luft wird

Juni 6, 2013 in Aikido von Armin Staudt

Ein Zenmeister würde zu folgendem sagen: „Glaube nicht dem, was ich sage. Setzt dich hin und probiere es selber aus“.
Bei all den unterschiedlichen Dingen, die ich in meinem Leben gemacht habe, wurde und werde ich immer wieder gefragt, wie ich das vereinbaren kann. Ich kann nur sagen, dass es da nichts zu vereinbaren gibt, da alle Künste (und das ist jetzt wirklich ein erweiterter Kunstbegriff) den selben Grundprinzipien unterliegen. Als Praktiker versuche ich immer wieder, auch im Aikido-Training diese Verbindungen aufzuzeigen.

Konflikte

Es gibt zwei „natürliche“ Arten auf eine Aggression zu reagieren, sei sie körperlich oder anderer Natur. Ein wichtiges Ziel für mich ist es, den Aikido-Schülern einen Dritten Weg aufzuzeigen mit Konflikten umzugehen. Im Gegensatz zu den zwei „natürlichen“ Wegen, die uns quasi instinktiv mitgegeben sind, bietet der Dritte Weg eine Umgangsform, auf die man alleine nicht so einfach kommt.

Der erste Weg ist, sich auf das Niveau des Angreifers zu begeben, also selber anzugreifen mit dem Ziel den Angreifer zu besiegen.
Der zweite Weg ist, dem Angreifer den Rücken zu zukehren und zu fliehen, um so dem Angriff zu entgehen.
Im übertragenen Sinne gelten die ersten beiden Wege natürlich auch für alle nicht körperlichen Angriffe. Jemandem Recht zu geben, nur um seine Ruhe zu haben, obwohl man genau weiß, dass er nicht Recht hat, wäre zB. eine Flucht. Ich kehre dem Angreifer den Rücken zu und mache ihn zum Sieger, womit ich ihn darin bestärke sein siegreiches Verhalten beizubehalten.

Verantwortung

Das ist der Springende Punkt: durch die Art und Weise, wie ich in einem Konflikt reagiere bestimme ich das zukünftige Verhalten meines „Gegners“ und auch das meine. Entweder, wie oben beschrieben bestärke ich meinen Gegner in seinem Verhalten, in dem ich durch meine Flucht seinen vermeintlichen Sieg ermögliche oder ich gehe in eine aggressive Konfrontation, die mich entweder dazu bewegt in Zukunft lieber zu fliehen, weil ich etwas auf die Mütze bekommen habe oder, wenn ich gewonnen habe mich darin bestärkt in Zukunft eher den aggressiven Weg zu wählen. Wie auch immer, durch beide Wege halte ich die Aggression am leben und verstärke das gegenseitige Verhalten in die ein oder andere Richtung. Im Aikido geht es nicht nur darum einem Angriff im jetzigen Moment zu entgehen, sondern den Aggressor davon zu überzeugen, von seiner Aggression loszulassen. Sonst wäre es, als würde ich ein Bild nur für einen kleinen Moment malen und nicht beabsichtigten ein Werk für die „Ewigkeit“ zu schaffen.

Mushotoku

Mushotoku

Der dritte Weg bedeutet einfach einen Schritt beiseite zu gehen, um den Angreifer durchzulassen. Ich mache mich sozusagen zu Luft. Rein körperlich ausgeführt, also als Aikido-Technik nennt sich dies „Irimi„, vorwärts gehen, in den Angriff hinein. Auf das normale Leben übertragen heißt das, sich seinen Problemen zu stellen und auf sie zu zugehen, aber ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Sich nicht zu identifizieren ist der Schlüssel zu diesem Schloss. Ich schalte meinen Geist einfach auf Wahrnehmung um, im Gegensatz zu Reflektion. Diese innere wie äußere Gelassenheit heißt im japanischen „Mushotoko“. Im Grunde muss sich der Angegriffene ja nur vor Augen führen, dass Aggression ein Ausdruck von Hilflosigkeit ist und/oder ein Heischen nach Aufmerksamkeit.

Praxis

Im Kindertraining habe ich eine ganz einfache Übung dafür, die ich jedes Mal bei der kurzen Meditation am Anfang mache. Man hält beide Zeigefinger in Augenhöhe, so dass man sie aus den beiden Augenwinkeln gerade noch sehen kann. Jetzt versucht man die beiden Finger gleichzeitig zu sehen. Dadurch entsteht ein leicht unscharfer, flächiger Blick. Dies ist ein Blick, der mir ermöglicht jegliche Fixierung auf einen Punkt aufzugeben und die gesamte Szene in mich aufzunehmen. Diesen Blick haben auch Maler, wenn sie das ganze Bild auf einmal sehen wollen. Meine Gedanken oder meine Einstellung folgen diesem Blick zwangsläufig. Sobald ich wieder anfange zu reflektieren, ziehen sich die Augenbrauen in der Mitte zusammen und mein Blick fixiert wieder irgendeinen Punkt.
Wenn man das eine Zeit lang geübt hat, kann man auch in jeder alltäglichen Situation den Blick unscharf stellen und der jeweiligen Situation gegenüber eine andere geistige Haltung einnehmen.
Für Erwachsene ist folgende Übung im Alltag recht nützlich: Einmal am Tag die Gedanken anhalten. Egal in welchem Stress man gerade ist und wie einem das Leben gerade mitspielt, einfach einmal am Tag innehalten und versuchen all seine Gedanken anzuhalten. Wenn man nicht weiß wie das geht, versucht man es eben heraus zu finden oder man macht einfach die Übung von weiter oben.

Angst

Atemi

Atemi

Solange ich mich in meinem inneren oder äußeren Verhalten über oder unter jemanden stelle, ist dies eine Ausdrucksform der Angst.
Solange ich Angst habe, bin ich nicht in der Gegenwart – kann also nicht angemessen handeln, bin ich befangen.
Beim Aikido gibt es eine Technik oder besser ein Prinzip, dass sich „Atemi“ nennt. Traditionell, im Karate zB., ist Atemi die Bezeichnung für den finalen, meist tödlichen Schlag. Im Aikido ist aus dem Atemi die Antäuschung dieses Schlages geworden. Dabei reicht es schon oft, diesen Schlag nur zu denken ohne ihn wirklich auszuführen.
Ein Atemi im richtigen Moment, mit der richtigen geistigen und körperlichen Spannung ausgeführt, lässt den Partner gefrieren oder sogar hinfallen. In fortgeschrittenen Techniken (Ai-Ki-Nage), kann man mit einem Atemi den Partner zu Boden werfen ohne ihn zu berühren.
Anders ausgedrückt, führt ein Atemi dem Partner schlagartig seine Befangenheit vor Augen.
So schwer es ist diese geistige Haltung im Aikido einzunehmen, wo hier das ganze Training darauf abzielt, ist es umso schwerer diese Prinzipien auf den übrigen, normalen Alltag zu übertragen.

Vertrauen auf die Intuition

Der einzige Weg, der mir praktisch durchführbar erscheint, ist obiges ausdauernd in wenig brenzligen Situationen zu üben. Umso weniger Angst ich vor irgendwelchen Folgen haben muss, umso unbefangener kann ich versuchen diese Geisteshaltung einzunehmen. Alles was ich jetzt noch tun muss, ist im Prinzip „gar nichts“. Denn, wenn ich in diesem Zustand der heilsamen Leere bin, wird die angemessene Reaktion aus meiner Intuition heraus geschehen. Die Handlung aus der Intuition heraus, kommt unweigerlich, wenn ich ihr den nötigen Platz einräume. Dazu braucht es nur etwas Vertrauen in sich selbst.
Ja und genau darum trainieren wir Aikido, um Vertrauen in uns selbst zu gewinnen.