Blätter 1990 oder warum Depressionen kreativ sein können.

Juni 4, 2013 in Kunst, Vita von Armin Staudt

Das Haus des Liebhabers, 90

Das Haus des Liebhabers, 1990

Heute war so ein Tag. Da habe ich an allem gezweifelt. Da ich also keine Aussicht auf kreative Ergüsse – bis auf eine klitzekleine neue Aikido-Übung, die ich heute für die Kinder erfunden habe hatte, dachte ich, schau doch mal unterm Tisch in einer der alten Mappen nach. Da ich inzwischen ja auch über das  fotografische Equipment verfüge, Bilder ordentlich abzulichten war meine Idee, aus dieser miesen Stimmung herauszukommen, indem ich eine eher mechanische Arbeit verrichten wollte.
Ich freute mich schon fast darauf, da neben dem Aikido-Training heute eigentlich nichts anderes zu erwarten war.
Natürlich hatte ich vergessen, nicht mitbekommen oder zugehört, als mir meine Tochter gestern prophezeite, dass sie heute für ihr Referat über südafrikanische Küche kochen wollte. Sie kam dann viel zu spät mit einer Freundin und betonte, dass es ja nur eine Viertelstunde dauern würde. Gleichzeitig musste ich mit meinem Sohn noch einen Text in Englisch über Alexander den Großen lesen, übersetzen und noch das ihm versprochene Essen kochen: Rumpsteak mit Maiskolben.
Also setzte ich meiner Tochter eine Deadline, zu der ich in die Küche wollte, mit dem Hinweis, dass ich sie nicht renovieren wolle.
Also hatte ich mich für eine Stunde oder etwas mehr freigeschaufelt. Das mit Alexander wollte ich dann mit meinem Sohn machen, während ich am Kochen war.

In der nächsten Stunde sind dann folgende Fotos entstanden.
Witziger Weise – das Schicksal will einem ja ständig etwas mitteilen – ist mir erst währende der Bildbearbeitung später – als ich dann nach all dem oben beschriebenen gleichzeitig noch beim Referat – dass natürlich noch nicht fertig war half aufgefallen, wie wann und wo diese Bilder entstanden sind.

Ich bin am 23 September 1990 nach Berlin gekommen. Wie viele andere, die ich hier getroffen habe, aus Liebe. Ich sah also einer glorreichen und glücklichen Zukunft entgegen und was am wichtigsten war, nicht mehr in Düsseldorf. Dummerweise hatte meine Liebste nach drei Tagen Armin-in-Berlin entschieden zu verschwinden – auf immer.
Ich saß nun in einer 18qm-Wohnung im schönen Stadtteil Moabit (höchste Selbstmordrate damals) im 100sten Hinterhof, die noch nicht mal mir gehörte. Die Platte meines geliebten Architektentisches – eine bessere Staffelei für meine Arbeiten gibt es nicht – war abgeschraubt und lag als Bettunterlage, die Hälfte des Zimmers besetzend, auf dem Boden. Drumherum einige große Holzkisten, in denen ich meine ganzen Leinwände transportiert hatte. Eine ausgehängte Tür diente auf zwei Böcken als Tisch. Da saß ich nun, verlassen, ohne einen einzigen Freund oder Bekannten in Berlin, ohne Job, Ausstellungen oder sonstige Aussichten vor meiner Tischplatte und habe folgende poetischen kleinen Blätter bemalt.
Da ich meine Arbeiten nur sehr rudimentär signiert oder beschriftet habe, kann ich nicht genau sagen, ob nicht doch ein Teil davon noch kurz zuvor in Düsseldorf entstanden sind. Ich glaube, alle Linolschnitte und Blätter die aussehen wie gedruckt, gehören noch nach Düsseldorf, alles, was farbiger ist, in diese Zeit tiefster Depression.
Ich war etwas überrascht heute, weil ich nicht wusste, dass ich jemals, außer vielleicht in der Schule, Linolschnitte gemacht habe. Die Platten existieren auf jeden Fall nicht mehr. Auch sind dort ein paar seltsame Bilder, die mit einer ebenso seltsamen Drucktechnik gemacht wurden. Ich hatte einen Topf voller schwarzer bitumenartiger Offsetdruckfarbe. Diese brachte ich auf Kupferplatten auf und wischte oder zeichnete sie mit einem Wattestäbchen und Terpentin wieder weg. Was übrig blieb druckte ich auf Papier. Da die Farbe so zäh war blieb immer noch genug für zwei oder drei weiter Drucke übrig. Die habe ich jeweils vorher noch etwas verändert und dadurch sind kleine Serien entstanden.

So viel zum heutigen Multitasking.
Das Steak war übrigens hervorragend gelungen. Immer, wenn ich mein Unterbewusstsein und mein Muskelgedächtnis kochen lasse, wird es gut. Mein Geist war ja mit der Sehnsucht besetzt diese Bilder zu bearbeiten und ins Netz zu bringen.
Was ich hiermit tun will.

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